Quellensammlung  VIA REGIA - Sachsen

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Literatur

 

 

Die wichtigsten Ergebnisse der Chronik von Großenhain  (Drei Ausschnitte)

von Gustav Schuberth

Herrmann Starcke (C. Plasnick), Großenhain, 1897

 

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   T       3 Auszüge, die Hohe Straße / VIA REGIA betreffend

[S. 3]  Großenhain hieß bis zum Jahre 1856 amtlich Hain, in alter Zeit meistens „Hain über der Elbe“ im Gegensatze zu einem Orte Hain bei Altenburg. Die Bezeichnung Großenhain erhielt aber unsre Stadt im Verkehrsleben wohl schon während des 14. Jahrhunderts zur Unterscheidung von Hain in Schlesien, dem jetzigen Haynau. Diese Stadt lag ebenso wie Großenhain an der aus Polen nach Thüringen führenden „hohen Straße“ und wurde von den Kaufleuten Kleinhain genannt. Die Stadt Großenhain ist im Jahre 1088 von dem böhmischen Könige Wratislaw gegründet worden. Vorher befanden sich an ihrer Stelle zwei Dörfer, das slawische Fischerdorf Ozzek, deutsch Hagen, und das deutsche Bauerndorf Hain, slawisch Gvozdec. Zu seiner höchsten Blüte stand Großenhain von 1450 bis 1550.                                                                                                                                                         

     Großenhain liegt an dem Flüßchen Röder und der über Elsterwerda führenden, kürzesten Bahnlinie zwischen Dresden und Berlin, ungefähr 3 Meilen von Dresden entfernt, 117 bis 124 m über dem Meeresspiegel. Es zählt gegenwärtig 12 000 Einwohner, die sich vornehmlich von Tuchmacherei ernähren, und gehört demnach jetzt zu den kleineren Mittelstädtchen des Königreichs Sachsen. Aber es gab eine Zeit, wo Großenhain einer der verkehrsreichsten Orte in ganz Deutschland und zugleich eine ansehnliche Festung war.

[S. 4 - 7]  Durch die hiesige Gegend ging seit uralter Zeit in der Richtung von Osten nach Westen einer der belebtesten Völker- und Handelswege, welchem später zur Unterscheidung von einer im Norden parallel mit ihm laufenden „Niederstraße“ der Name „hohe Straße“ beigelegt wurde. Gerade auf demjenigen Teile dieser Linie, welcher den Bezirk von Großenhain durchschnitt, bewegte sich ursprünglich aller Verkehr zwischen Schlesien, Polen und Rußland sowie Böhmen und Ungarn und dem westlichen Deutschland. Höchst wahrscheinlich sind auf diesem Wege die Ungarn vor der Schlacht in der Nähe von Merseburg 933 gezogen. Im Jahre 1429 marschierte auf der gleichen Linie ein Hussitenheer über Zittau, Bautzen und Kamenz hierher und nach der Einnahme von Großenhain wieder zurück. Ja, auch während späterer Jahrhunderte gelangten infolge dieser Verbindung häufig Personen aus den südöstlichen Ländern gerade nach Großenhain, so daß die alteinheimischen Familien unsrer Stadt Zabler, Preßprich (Preßburger) und Chladenius  (Chladny) aus Ungarn stammen und z.B. noch in den Jahren 1703 und 1707, wie in den bezüglichen Kammerregistern zu lesen ist, Almosen an vier aus Ungarn vertriebene, hier zu verschiedenen Zeiten durchreisende Evangelische, unter denen sich zwei Pfarrer und ein Lehrer befanden, seitens der Stadt verabreicht wurden. Andererseits hat sicherlich ein besonders reger Verkehr aus dem westlichen Deutschland über Großenhain nach dem Nordosten stattgefunden zur Zeit der Wallfahrten an das Grab des heiligen Adalbert zu Gnesen, bei der deutschen Einwanderung nach Schlesien und bei den Kreuzzügen nach Preußen. Für das Alter des Verkehrs auf der hohen Straße und für die entfernte Abstammung der auf ihr beförderten Waren zeugt der Umstand, daß an verschiedenen Stellen derselben altrömische Geldsorten und Waffen sowie Münzen und Schmuckgegenstände aus Asien gefunden worden sind. Da auf dem Mühlberge bei Stolzenhain zahlreiche Schlüssel, Nägel, Lanzenspitzen und Schildbuckel aus der ersten römischen Kaiserzeit ausgegraben worden sind (Flade, Frauenhainer Chronik, S. 105), so ist vielleicht doch auch das römische Heer unter Ahenobarbusim Jahre 7 vor Christi Geburt in der hiesigen Gegend über die Elbe gegangen.                                                                                                       

     Daß die älteste durch Deutschland in der Richtung von Osten nach Westen gehende Straße den Umkreis von Großenhain berühren mußte, lag in den Bodenverhältnissen begründet. Unser sächsisches Gebirgsland und ebenso der Gebirgszug an der Westgrenze Böhmens, die ehemals obendrein mit dichtem Walde bedeckt waren, bereiteten den Durchreisenden ungeheure Hindernisse. Die norddeutsche Tiefebene andrerseits war so mit Sümpfen angefüllt, daß sie ebenfalls zwar besiedelt, aber nicht leicht mit Pferd und Wagen durchwandert werden konnte. So blieb als geeigneter Verkehrsweg derjenige Gürtel übrig, welcher sich zwischen dem Gebirge und der wasserreichen Ebene hinzog, und das war in Sachsen ungefähr die Strecke von Bautzen über Großenhain und Riesa oder über Ortrand und Strehla nach Oschatz, Grimma, Naumburg, Merseburg. Bei Riesa oder Strehla wurde die Elbe überschritten. Dies beweist unter anderm der Name des Dorfes Promnitz bei Riesa, welcher Fährort bedeutet, und die Erwähnung einer Schiffsfähre (navale passagium) bei diesem Orte im Jahre 1234.                                                                                                      

     Aus dem starken Verkehr, der sich seit der ältesten Zeit durch die Umgebung von Großenhain bewegt, ist an sich zu schließen, daß dieses Gebiet auch frühzeitig erst den Germanen und darnach den eingewanderten Slaven als Wohnsitz gedient haben muß. Zeugnis hierfür gewähren überdies häufige Ausgrabungen slavischen und germanischen Charakters sowie alte Befestigungen. Die meisten einstmaligen Rittersitze unsers Bezirks sind noch jetzt mit tiefen Gewässern umgeben, und Spuren von sogenannten Bauernburgen zeigen sich fast in jedem Dorfe. (Zu den in der Chronik genannten Orten sind noch Kolckwitz und Übigau hinzuzufügen.) Ja , verschiedene hiesige Ortschaften haben sogar ihren Namen von Schutzanlagen. So bedeutet Gröba Wallgraben, Gröditz und Gröden große Burg, Quersa kleine Feste, und bei Quersa lag in alter Zeit das Dorf Ostrozen, dessen Name mit Schanzendorf zu übersetzen ist, Leckwitz heißt Warte, Radeburg Röderburg. Bei Leckwitz an der Elbe ist eine mächtige Schanze zu sehen, von welcher aus jedenfalls die in der Nähe befindlichen Elbübergänge beobachtet wurden. Auch in der unmittelbaren Nähe von Großenhain hat es einst solche Befestigungen gegeben, dies waren die mit dem Namen Schwedentische bezeichneten Erdwälle auf dem Kupferberge, welche durch die daselbst angelegten Steinbrüche allmählich verschwunden sind. Von den hufeisenförmigen Schanzen hingegen, welche in der Lausitz längs der hohen Straße in ziemlich regelmäßigen Entfernungen nachweisbar sind, hat man in unsrer Gegend keine Überreste entdeckt. Einige Hindeutungen auf den ehemaligen Wachtdienst der Dorfbewohner in den hergestellten Schutzanlagen enthält noch unser Amtsbuch vom Jahre 1547. Nach demselben haben die Dörfer Priestewitz und Strießen Wachweizen zu liefern, und die Dörfer Gävernitz und Kmehlen haben sogar noch Wachdienst zu leisten, freilich nicht in den alten, längst verfallenen Schanzen, sondern auf dem Schlosse zu Meißen.                                                                                 

     So regelrechte Schutzvorrichtungen für den durchgehenden Handelsverkehr wie in der Lausitz konnten in unserm Bezirke aus dem Grunde nicht vorhanden sein, weil hier ursprünglich nicht ein festbestimmter Weg bestand. Man überschritt die Elbe zwischen Meißen und Belgern, aber an sehr verschiedenen Punkten. Ein in dieser Hinsicht ganz besonders wichtiger Ort war bis in das 13. Jahrhundert die Stadt Strehla. Dieselbe spielte daher in dem Kriege mit dem Polenkönig Boleslaw Chrobry um das Jahr 1000 eine bedeutende Rolle, wurde noch 1210 als eine größere Stadt (civitas) bezeichnet, war zu dieser Zeit der Hauptort eines auf beiden Elbufern sich ausbreitenden Bezirks (provincia) und hatte eine eigene Münze sowie mehrere Parochien und Kapellen. Aber seitdem scheint sie infolge des Aufblühens von Großenhain schnell zurückgegangen zu sein, so daß sie schon 1238 nur noch ein Städtchen (oppidum) genannt wurde. Die über Strehla gehende Straße kam von Ortrand und berührte die Dörfer Görzig und Streumen. Sie lebte zu Ende des 17. Jahrhunderts noch einmal für mehrere Jahrzehnte auf, als die Hauptstrecke über Großenhain der ausgebrochenen Pest wegen gänzlich gemieden wurde.

     Die erste Erwähnung eines Zolls vom Verkehr auf der hohen Straße, also das früheste Zeichen für eine obrigkeitliche Überwachung derselben, stammt aus dem Jahre 983, wo Kaiser Otto II. dem Bischof von Meißen die Erhebung einer Steuer von den Elbübergängen zwischen Meißen und Belgern gewährte. Alsdann kommt 1004 ein Zoll bei Merseburg vor, 1064 bei Gröba, 1065 bei Grimma, Oschatz, Strehla und Boritz. Die in den Jahren 1064 und 1065 angeführten Zölle verlieh der Kaiser Heinrich IV. dem Bischof von Naumburg, und er schenkte ihm zugleich eine so große Menge von Besitzungen bis an die Lausitzer Grenze und bis in die Nähe von Meißen, daß man daraus folgern muß, Heinrich IV. habe den Bischöfen von Naumburg geradezu die Obhut über seine Reichstraße (strata regia) auf der durch die Schenkungen bezeichneten Strecke übertragen. Dies ist um so erklärlicher, als die Bischöfe von Naumburg sich während der vielen Kämpfe des Kaisers mit den Sachsen sowie mit den Markgrafen und dem Bischof Benno von Meißen allezeit als seine treuen Vasallen bewährten und ihm daran gelegen sein mußte, die beste Verbindung mit der Lausitz und dem Lande Böhmen, wo der ihm gleichfalls sehr ergebene Herzog Wratislaw herrschte, in sicheren Händen zu wissen.                                                                                                                                          

      Großenhain wurde ursprünglich von der hohen Straße nicht berührt. Es war in seinem frühesten Zustand  gar nicht passierbar und kann von den Kaufleuten höchstens hin und wieder als Zufluchtsort gebraucht worden sein. Das Gebiet unsrer Stadt war nämlich damals von der Röder und von Sümpfen in der Weise umgeben, daß es nur einen trocknen Zugang und nur eine bequeme Furt durch das Wasser hatte.

[S. 18]  Großenhain wurde, wie bereits erwähnt, von dem Verkehr auf der hohen Straße ursprünglich ganz unberührt gelassen. Wiewohl seit 1065 ein Zoll bei Boritz bestand und demnach der Weg über Boritz und Merschwitz neben der Linie über Strehla schon frühzeitig gebraucht worden ist, so fuhren doch die Wagen von Merschwitz über Mülbitz und von da am Kupferberge vorüber zunächst nach Nauleis und Hohndorf und dann mitten durch Ebersbach hindurch nach Rödern oder Radeburg. Noch jetzt ist auf der Generalstabskarte zwischen den Dörfern Hohndorf und Ebersbach ein Stück Weg mit dem Namen „hohe Straße“ bezeichnet. Die Schanzen auf dem Kupferberge aber (vorn, auf den jetzigen Steinbrüchen, nicht bei Mülbitz) waren offenbar für diese Strecke angelegt worden. Wahrscheinlich ist jener alten Verkehrslinie der jetzige gerade Weg von Mülbitz nach Hohndorf zu verdanken.    

      Fortan mußten alle Wagen, die bei Boritz über die Elbe übergesetzt worden waren, von Mülbitz (später von Zschieschen) nach Großenhain fahren. Hier passierten sie das Dresdner Thor und entweder die ganze Dresdner Straße nebst dem Frauenmarkt oder einen Teil der Dresdner Straße nebst der Schloßstraße und dem obersten Stück der Meißner Straße, ferner den Hauptmarkt, alsdann entweder die Kirchgasse oder die jetzige Postgasse und den Neumarkt, endlich die Naundorfer Straße und das Naundorfer Thor. Weiter ging die hohe Straße nordwestlich von den Dörfern Naundorf und Folbern über Quersa nach Königsbrück.                                                                                      

     Als eine Art Vorposten für ihre Festung Großenhain auf dem Wege nach Meißen und vielleicht auch zur Beaufsichtigung des vorüberkommenden Warenverkehrs errichteten die Böhmen den Rittersitz Zschieschen, auf deutsch Czechendorf.